Herbert Fandel pfeift das Spiel des Hamburger SV gegen Bayer Leverkusen ab. Als Zuschauer im Stadion ist man sich bewusst, denkwürdigen 90 Minuten beigewohnt zu haben, ein emotionaler Achterbahnritt, an den sich die meisten vor Ort wohl noch sehr lange erinnern werden.
Doch (quasi als Fortsetzung meines Berichtes vom letzten Donnerstag) der Reihe nach…
Donnerstag 16.08., 18:45 Uhr: Drei Mann und ein Hund sitzen in einer Kneipe in Hamburg Eppendorf und erwarten den Anpfiff der Partie Honved-HSV. Das Spiel wird auf Eurosport übertragen, das allerdings hat sich noch nicht bis zum Personal hinter dem Tresen herumgesprochen. Auf der Großbildleinwand läuft stattdessen die entsetzliche Bundesliga-Sendung im DSF. Als gut informierte Gäste sorgen wir für Aufklärung und es wird umgeschaltet.
19:00 Uhr: Das Spiel geht los. Ohne Rafael van der Vaart. Das war auch nicht anders zu erwarten, dennoch fühlt es sich ein bisschen so an, als ob jemand das Messer im Herzen noch mal ein wenig hin und her dreht. Es ist recht laut in der gut besuchten Lokalität, so dass man (wie ich im Nachhinein erfahre Gott sei Dank) die Ausführungen des Kommentators nicht verfolgen kann.
20:50 Uhr: Endlich ist es vorbei.Ich habe lange nicht mehr ein so grauenhaftes Fußballspiel gesehen. Der einzige, der sich hier in den letzten 2 Stunden amüsiert hat, war wohl der Hund, der jedem vorbeigetragenen Wiener Schnitzel sehnsüchtig hinterher blickte. Zudem sind mindestens ein halbes Dutzend Frauen bei seinem Anblick dahin geschmolzen. Verdammt, ich brauche auch einen Hund.
Freitag 17.08., 16:00 Uhr: Ich stöbere ein bisschen durch die News-Webseiten und das HSV-Supporters-Forum. Die Nerven liegen Blank. Anscheinend auch bei den Spielern, Frank Rost soll Zidan nach dem gestrigen Spiel vor versammelter Journaille im Kabinengang zusammengefaltet haben. Ein User berichtet, dass Van der Vaart nicht am Training teilnimmt, zumindest sei ihm das per SMS mitgeteilt worden. Der Thread zum Van der Vaart- Theater hat mehr als 7000 Postings und knapp 300.000 Hits. Der Server scheint auf dem letzten Loch zu pfeifen. Der Tenor für das Spiel am Sonntag lautet recht einhellig, dass die „Nummer 23″ nicht ausgepfiffen, sondern möglichst ignoriert werden soll. Klingt gut, ich habe aber leise Befürchtungen, dass dies bei mehr als 50.000 Leute dann in der Praxis so funktionieren wird.
Samstag, 18.08., gegen 16 Uhr: Wir schauen mit ein paar Leuten die Beerdigung des SV Werder Bremen. Der Stadionsprecher im Hintergrund macht eine Durchsage: „Der Fahrer des Fahrzeuges mit dem Kennzeichen XX-XX-1234 möchte bitte umgehend zu seinem Auto kommen. Sie haben den Motor laufen lassen...“ Weltklasse! Für die Bremen-Fans wohl der einzige Moment an diesem Nachmittag, in dem ihnen zum Lachen zumute war.
18:25 Uhr: Auf Premiere kündigt Sebastian Hellmann eine Neuigkeit im Falle Van der Vaart an. Ich dachte zwar, das Niveau könne nicht mehr sinken, sehe mich aber getäuscht als Van der Vaart auf einem Foto mit Valencia-Trikot gezeigt wird. Wir nehmen es fast teilnahmslos zur Kenntnis. Soll er doch, der Idiot. Ich bin mir sicher, dass er morgen nicht spielen wird, befürchte ansonsten tumultartige Szenen wie bei Klose heute in Bremen, das wird man sicher seitens der Vereinsführung nicht riskieren wollen.
Sonntag 19.08., 16:30 Uhr: Wir betreten das Stadion. Irgendwie fühle ich mich in meinem Trikot unwohl. Ich sehe mich ein wenig um, wievielen es wohl ähnlich geht. Auf jedem zweiten Rücken allerdings lese ich „Barbarez“ … bei HSV-Fans versteht sich. Offensichtlich haben viele heute noch mal tief in den Kleiderschrank gegriffen. Ich fühle mich noch unwohler. Nächstes mal lasse ich mir Barbarez aufs Trikot drucken.
16:40 Uhr: Mit Wurst und Bier bzw. Apfelsaftschorle (ich bin Fahrer) bewaffnet betreten wir Block 22A, vor dem natürlich wieder mal keine Kartenkontrolle stattfindet. Es ist brechend voll. Wir drehen wieder um und gehen zu 23A. Dort ergattern wir noch einen Platz, während gerade die Aufstellung der Leverkusener runtergeleiert wird. Erwartungsgemäß nur auf der Bank, die Nummer 36 Sergej – „Barbarez“ – schallt es von den Rängen. Dieser freut sich und winkt in die Runde. Das hättest Du auch irgendwann mal haben können, lieber Rafael. Mein Blick schweift über den Platz, sicher, eben jenen dort unten nicht zu erblicken. Doch weit gefehlt. Ohne gelbes Leibchen, sprich in der ersten Elf, schießt er sich gerade auf das Tor vor uns warm. Mir läuft ein kurzer Schauer über den Rücken. Ich kann nicht glauben, dass er tatsächlich spielt. Es ist ruhig, dennoch ist die Anspannung unter den Zuschauern spürbar. Fast alle um uns herum reden über ihn. Ein Typ rechts neben mir äußert sich besorgt, dass Van der Vaart sich heute absichtlich eine rote Karte abholen könnte. Ich stimme ihm zu, dass auch wir diese Befürchtung schon hatten. Man traut ihm in diesem Moment alles zu. Wenn jetzt einer erzählen würde, van der Vaart schieße ein Eigentor, um anschließend vor der Nordtribüne blank zu ziehen und auf seinem Hintern eine Tätowierung mit dem Logo des FC Valencia zum Vorschein kommen zu lassen, keiner würde diesem Szenario nicht zumindest eine theoretische Möglichkeit einräumen. Die Spieler verschwinden im Kabinengang, Lotto King Karl macht sich auf den Weg zur Hebebühne, um die Aufstellung des HSV anzusagen. Was wird passieren, wenn die Nummer 23 an der Reihe ist? Die Antwort – ein Mix aus Pfiffen, Schweigen und – wie im Forum von einigen angekündigt – „Nur der HSV“-Rufen. Also kein Eklat, alles bleibt vergleichsweise ruhig. Ein wenig Entspannung kommt auf, die erste Hürde ist genommen.
16:55 Uhr: Auf der Videowand sieht man, wie sich die Spieler im Kabinengang sammeln. Von hinten schiebt sich Van der Vaart an den anderen vorbei, um sich als erster in die Reihe zu stellen -mit Kapitänsbinde. Mir fehlen die Worte bei diesem Anblick. Die Spieler kommen aufs Feld, auf den Rängen Business as usual. Die Spieler bilden den obligatorischen Kreis, van der Vaart holt sich scheinbar eine extra Portion Klopfer von den Mitspielern ab und los geht’s. Nach nicht mal zwei Minuten hämmert Zidan nach einer Ecke des Niederländers den Ball gegen die Latte. Bereits jetzt ist klar, wir werden hier nicht noch mal so ein Gebolze wie in Budapest sehen.
17:45 Uhr: Halbzeit. Der HSV macht ein gutes Spiel, van der Vaart ist neben dem ebenfalls überragenden Kompany der beste Mann auf dem Platz. Es gab keine Pfiffe mehr, die Stimmung ist gut, erleichtert. Der Supergau scheint auszubleiben, alle verhalten sich professionell – die Fans, van der Vaart und der Rest der Mannschaft auch. Man kann die Steine quasi reihenweise von den Herzen fallen hören.
18:10 Uhr: Michael Skibbe schickt seine Ersatzspieler zum Warmlaufen – vor die Nordtribüne. Diese begrüßt hoch erfreut Sergej Barbarez mit lauten Sprechchören. Er winkt fleißig und genießt die Szene während wohl seine Kollegen und die Leverkusen-Anhänger kollektiv mit den Augen rollen dürften. Augenrollen verursacht aber auch die harmlose Leistung von Bayer auf dem Platz, der HSV hat das Spiel im Griff und arbeitet sich regelmäßig Chancen heraus. Eine der besten davon vergibt Jarolim, als er aus ca. 11 Metern den Ball in die Arme von Adler kullerte. Es ist mir schleierhaft wie man als Fußballprofi so einen schlechten Schuss haben kann. Wir geben ihm daraufhin den Spitznamen „The Hammer“. Einer meiner Kumpels sagt mir, er sei gespannt, ob Van der Vaart heute den Elfmeter schießt. „Welchen Elfmeter?“ – „Wir bekommen heute auf jeden Fall noch nen Elfer! Das hab ich im Gefühl!“ Soso…
18:20 Uhr: Es ist, als ob jemand eine Zeitlupe eingeschaltet hätte. Castelen flankt, 20.000 Menschen schreien „Hand“ und Fandel streckt seinen Arm aus, um auf den Elfmeterpunkt zu zeigen. In dieser Sekunde fragen sich alle anwesenden 52.700 Leute das gleiche… er wird jawohl nicht…? Doch er wird. Als wären die letzten sieben Tage irgendwie nicht existent geht er richtung Torauslinie, winkt einem Ordner zu, welcher den Ball zu ihm wirft. Er hebt ihn auf und legt ihn auf den Punkt. Ich habe keine Ahnung, was sich derzeit sonst auf dem Platz abspielt, ob es Proteste gibt oder nicht. Ich sehe nur Rafael van der Vaart, wie er sich anschickt, einen Elfmeter zu schießen und kann nicht glauben, wie man sich einen solchen Druck aussetzen kann. Wenn er verschießt, sehe ich schon die Schlagzeilen, die Spekulationen, ob es Absicht war. Ich bin mir aber sicher, dass er ihn machen will, nach den letzten 65 Minuten habe ich keinen Zweifel, dass er sportlich alles gibt. Die Frage ist nur, wie das die breite Masse sieht, die Stimmung könnte kippen. Ein Pulverfass. Vermutlich geht allen exakt das gleiche durch den Kopf. Die Nordtribüne beginnt rhytmisches Klatschen. Er läuft an, schießt, Adler springt nach rechts, der Ball fliegt nach links, ins Tor. Gott sei Dank… Ohrenbetäubender Jubel. Du bist zwar ein Vollidiot mein Junge, aber diesen Elfmeter hier zu machen, mein lieber Herr Gesangsverein… Van der Vaart läuft zur Eckfahne direkt vor uns und lässt sich von seinen Mitspielern feiern. Die Stadionsprecher spielen seinen Torsong an „Hit the road Jack“. Es singt aber kaum jemand mit, soweit ist es dann doch nicht. Entgegen der sonst üblichen drei Male, wird sein Name bei der Spielstandsdurchsage nur einmal angesagt, man will es nicht übertreiben. Immerhin aber ruft etwa die Hälfte der Zuschauer seinen Namen. Hätte ich nicht gedacht, ist mir aber auch egal. Hauptsache wir führen!
18:25 Uhr: Der HSV hat nun 12 Mann auf dem Platz, Sergej Barbarez ist soeben unter Applaus des gesamten Stadions eingewechselt worden. Ich frage mich, wie naiv Skibbe ist. Bevor der hier heute ein Tor für Leverkusen schießt, friert die Hölle zu.
18.45 Uhr: Die letzten Minuten laufen. Wir hätten eigentlich schon 3:0 führen müssen, aber „The Hammer“ und Guerrero haben zwei dicke Chancen vergeben. Ok, Leverkusen hatte auch einen Lattenkracher, ein 3:1 wäre also auch drin gewesen. Barbarez versuchte scheinbar zu verhindern, bei Standards im Straufraum einen Kopfball aufs Tor spielen zu müssen. Lösung des Dilemmas: Er schoss kurzerhand zwei Freistöße selbst, einen davon aus ca. 20 Metern direkt in die Arme von Frank Rost. Besten Dank! 89. Minute, Van der Vaart fängt an zu humpeln und deutet zur Bank, dass er raus will. Der Wunsch wird ihm erfüllt. Während er vom Feld trottet, steht die Haupttribüne geschlossen auf und applaudiert. Gänsehaut.
18:49 Uhr: Fandel pfeift endlich ab. Bis auf die dürftige Chancenverwertung hat der HSV ein super Spiel gezeigt. Das Stadion befndet sich in kollektiver Euphorie. Kaum jemand hatte von so einer Leistung zu träumen gewagt, vor allem nicht davon, dass die „Nummer 23″ hier sein bestes Spiel seit Monaten abliefert. Die HSV-Spieler klatschen sich gegenseitig am Mittelkreis ab, Barbarez gesellt sich dazu. Als Leverkusen-Verantwortlicher würde ich den gar nicht erst wieder mit nach Hause nehmen, sondern ihn uns gleich da lassen. Van der Vaart wird kräftig von den Mitspielern geherzt. Man hat den Eindruck, dass man mannschaftsintern mit der Situation umgehen kann und auch hier erleichtert ist, dass er weiterhin Top-Leistung liefert. Die Mannschaft kommt vor die Nordtribüne und setzt sich hin, das Verabschiedungsritual steht an. Eigentlich ist dann alles wie immer, Atouba tanzt, Van der Vaart steht ganz außen und tanzt auch mit, lächelt sogar. Wir auf der Tribüne sind alle froh, dass es vorbei ist. Es war eines der emotionalsten Spiele der letzen Jahre, auch weil irgendwie alle ein bisschen wehmütig sind und wissen, dass es nie mehr so sein wird wie noch vor einer Woche, zu tief sitzt die Enttäuschung. Aber man scheint einen Weg gefunden zu haben, sich zu arrangieren, nennen wir es sportlich professionell. Van der Vaart hat heute gezeigt, dass er trotz seines „Verrates“ in der Lage ist auf dem Platz Höchstleistungen zu bringen, Verantwortung zu tragen und den Ausschlag zum Sieg zu geben. Er ist weiterhin das unverzichtbare Herzstück der Mannschaft, ob uns das nun gefällt oder nicht. Das respektieren die Fans, die ihrerseits auf dümmliche Pfeifkonzerte oder Plakataktionen verzichten und sich stattdessen auf das konzentrieren, was wirklich zählt:
Der HSV – Nur der HSV.
Verfasst von Dale