Dicke Luft an der Daddelfront

Derzeit weht ein rauher Wind durch die amerikanische Videospiel-Journaille. Die Entwicklung der Spiele wird immer teurer, Studios und Publisher geben mittlerweile bei Toptiteln alleine mehrere Millionen für Werbung aus. Dieses Geld wird – wie in der Unterhatlungsbranche üblich – quer durch die Medien investiert – in Print-, TV- und Onlinewerbung. Bei letzterer sind insbesondere das zu CNET gehörende Gamespot.com, das Entertainmentportal IGN.com (hinter dem sich kein geringerer als NewsCorp verbirgt) sowie das zu Ziff-Davis gehörende 1Up.com (der Onlineableger des größten US-Videospielmagazins EGM) Nutznießer dieser Entwicklung.

In der Branche langjährig tätige Redakteure, die für obige Websites Spiele testen und benoten sind bei Lesern und Industrie bekannt und genießen hohe Aufmerksamkeit. Die Internetaffinität der Leserschaft sorgt dafür, dass Reviews regelmäßig in einschlägigen Foren diskutiert werden, Podcasts und Videoreviews sorgen zudem noch für stetig steigende Bekanntheit der Autoren. Studios und Publisher sind darüber hinaus natürlich auch am Wohlergehen der Journalisten interessiert, man möchte ja schließlich gute Bewertungen für seine Spiele haben. Dieses personenfixierte Konstrukt birgt naturgemäß Risiken.

Eines dieser Risiken ist die Lücke zwischen geschäftlichen und journalistischen Interessen der Verlage, so scheinbar auch bei Gamespot. Dort wurde letzte Woche der Redakteur Jeff Gerstmann fristlos gefeuert. Angeblicher Anlass : sein Test des Spiels „Kane & Lynch„. Gerüchten zufolge soll Publisher EIDOS (Tomb Raider) auf seinen Artikel hin (eine 6.0 kurbelt nicht gerade den Verkauf an) bei der gesamten CNET-Gruppe Anzeigen für mehere hunderttausend Dollar storniert haben. Das ebenfalls von Gerstmann produzierte Video-Review, was sogar den Eindruck macht, die 6.0 sei noch geschmeichelt, ist mittlerweile bei Gamespot nicht mehr verfügbar. Bei YouTube schon.
Gerstmann hatte sich schon in der Vergangenheit mit umstrittenen Tests einen Namen gemacht, als er dem gefeierten „Zelda – Twilight Princess „nur“ eine 8.8 gab, dem von vielen als Durschnittsware angesehenen „Tony Hawk Pro Skater 3″ aber eine glatte 10. Das ist zumindest mal diskutabel.
Nun ist Kane & Lych allerdings fast überall nicht besonders gut weggekommen, nicht nur bei Gamespot. Das Spiel ist also scheinbar tatsächlich alles andere als ein Top-Titel. Wie es nun heißt, soll aber letztlich der polemische Ton („ugly ugly game…“) in Artikel und Video den Ausschlag zur Entlassung gegeben haben, er habe sich intern schon vorher auf dünnem Eis bewegt.
Wie auch immer, die ganze Gerstmann-Affäre wirft ein zumindest mal zweifelfhaftes Licht auf die Neutralität von Gamespot. Wenn einem dann auch noch ein solcher Penny Arcade Comic gewidmet wird (mehr zu deren Bedeutung weiter unten), hat man bei der Kundschaft ein ziemliches Glaubwürdigkeitsproblem. Denn letztlich finanziert sich auch Gamespot neben der Werbung durch gebührenpflichtige Premium-Accounts. Wiederum gerüchteweise soll es auf diesem Sektor derzeit massenweise Kündigungen hageln…
Die Konkurrenz freut sich jedenfalls, so haben einige 1Up-Redakteure, die praktischerweise nur ein paar Blocks von Gamespot entfernt arbeiten, eine kleine Solidaritätsdemo vor dem Gamespot-Büro abgehalten… Mal sehen wie und ob es hier weiter geht.

[Update 07.12.:Es geht weiter... interessant die Artikel hier, hier und hier. ]

Eine zweite, nicht so folgenschwere aber dennoch bezeichnende Fehde lieferte sich jüngst ein bis dato völlig unbekannter IGN-Redakteur (Jeff H.) mit keinem Geringeren als Mike Krahulik („Gabe“) von Penny Arcade. Nun sollte man wissen, dass Mike und sein Partner Jerry Holkins mit ihrem Penny-Arcade-Blog und Webcomic im Laufe der Jahre zu einer Art Institution der Videospiele-Industrie herangewachsen sind. Einem Wired-Artikel aus dem Juli dieses Jahres zufolge können die beiden beachtliche 55 Millionen Visits pro Monat auf ihrer Website verzeichnen. Ferner betreiben Sie mit der PAX (Penny Arcade Expo) mittlerweile die größte Videospielmesse der USA und haben mit „Child’s Play“ seit 4 Jahren eine extrem erfolgreiche und angesehene Charity-Organisation. Herzstück ihrer Popularität sind die 3x wöchtentlich erscheinenden Webcomics, in denen die beiden als Cartoonfiguren Tycho und Gabe auftreten.
Jüngst schrieb Mike nun in einem Posting seine Meinung über das von der Presse gemischt aufgenommene Spiel Assassin’s Creed und stellte fest, dass er die teilweise harsche Kritik der Spieletester daran nicht ganz nachvollziehen kann und mutmaßte, dass einige der Journalisten AC wohl nicht zuende gespielt haben. Ferner fragte er, ob Tester so ein Spiel wirklich auf die gleiche Weise angehen, wie der normale Gamer zuhause und ob eine hektische, auf möglichst schnelles Durchkommen bedachte Spielweise in diesem Falle das Erlebnis zerstört und daher die niedrigen (um die 7) Wertungen erklärt.
Daraufhin fühlte sich besagter Jeff nun veranlasst in der folgenden Ausgabe des IGN-PS3-Podcasts auf unterstem Niveau gegen „Gabe“ zu pöbeln (wer das hören will, ca. ab Minute 41 geht es los, erspart Euch alles davor, der Podcast ist schrecklich uninteressant und mies produziert – der Name „Beyond“ ist Programm…), indem er kurz und sachlich gesagt den Standpunkt vertrat, Mike solle gefälligst seine Comics machen und den Mund halten, anstatt Reviewer zu kritisieren. Wer die Comments dort zu dem Podcast durchliest, sieht, dass Jeff sich damit wohl ein bisschen weit aus dem Fenster gelehnt hat. Peinlich peinlich… zumal er die IGN-Review zu Assassin’s Creed nicht mal selbst geschrieben hatte. Da wollte sich wohl jemand mal wichtig machen. Hat leider nicht wirklich geklappt, denn Mike reagierte extrem gelassen und ließ sich nicht weiter provozieren. Warum auch, er hat schließlich jedes Recht, seine persönliche Meinung zu dem Spiel zu schreiben. Der IGN-Redakteur hingegen hat seinem Arbeitgeber mit seinem Verbalausfall wohl einen ziemlichen Bärendienst erwiesen, wenn man in den Comments die Kündigungen der kostenpflichtigen IGN-Insider-Accounts zusammenzählt, die er ausgelöst hat…

Fragt sich also, wer da nun eigentlich eher hätte gefeuert werden müssen – jemand, der einem miesen Spiel eine miese Note gibt? Oder jemand, der offenkundig an Größenwahn leidet und meint, sich auf Kosten seines Arbeitgebers öffentlich mit Leuten anlegen zu müssen, die nun wahrlich nicht seine Kragenweite sind?

Eines zeigen diese beiden Fälle auf jeden Fall – es ist immer wieder erstaunlich wie Leute, die im Internet ihr Geld verdienen, dieses Medium und die Reaktion der Community unterschätzen.

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