Um es Vorweg zu nehmen, der 1. FC Kaiserslautern gehört nicht unbedingt zu meinen Lieblingsclubs. Das letzte Mal, dass ich Sympathie für die Pfälzer emfpand war 1998, als sie am letzten Spieltag hier im Hamburger Volksparkstadion deutscher Meister wurden. Das begründete sich zum einen im damals dort spielenden „Ur-Barmbeker“ Andy Brehme und zum anderen in der doch außergewöhnlichen Geschichte eines Aufsteigers, der direkt den Meistertitel holt. Man kam also nicht umhin, ihnen den Titel damals zu gönnen.
Diese Zeiten sind bekanntlich lange vorbei und auf dem Betze ist nichts wie es mal war. Derzeit dümpelt man in der zweiten Liga sogar auf einem Abstiegsplatz herum, Lautern droht dank bislang entmutigender Leistungen ernsthaft der Abstieg in die dritte Liga. Die Verantwortlichen im Verein, Vorstandschef Erwin Göbel, Sportchef Michael Schjönberg und Trainer Kjetil Rekdal scheinen mittlerweile ziemlich ratlos und üben sich in Durchhalteparolen. Das kennt man auch von anderen Vereinen, normale Konsequenz in dieser Situation: Einer der Beteiligten (üblicherweise den Trainer) wird ausgetauscht, wodurch die anderen ihren Arbeitsplatz zunächst mal gesichert haben. Nicht so beim FCK. Zumindest noch nicht, denn die aktuelle sportliche Leitung ist gerade mal ein halbes Jahr im Amt.
Stattdessen hat sich nun ein alter Bekannter selbst ins Gespräch gebracht – Klaus Toppmöller. Der derzeitige Nationaltrainer Georgiens und ehemalige FCK-Stürmer bot vor gut zwei Wochen seine ehrenamtliche Hilfe dabei an, den Traditionsclub vor der Drittklassigkeit zu bewahren. Rührend, dieses selbstlose und ehrenwerte Unterfangen…
Dem offensichtlich verzweifelten FCK-Aufsichtsrat jedenfalls schien dieses Angebot äußerst willkommen. Mehr oder weniger postwendend beschloss man, ihm das noch freie Mandat in eigenen Reihen anzubieten und ihm die sportliche Leitung zu übertragen. Eine schallende Ohrfeige für Schjönberg, Göbel und Rekdal. Am 28.10. dann gab es jedoch ein Gespräch zwischen Toppi, Göbel und Aufsichtsratchef Buchholz, in dem der Verein – wohl gestärkt durch den zuvor erlangten Sieg gegen Aue – ersteinmal zurückruderte was die sportliche Leitung anging. Jedenfalls erklärte Toppmöller der Presse zunächst seine Absage mit dem Hinweis, er komme nur, wenn er die uneingeschränkte sportliche Verantwortung bekäme.
In den nächsten Tagen folgten dann einige mediale Scharmützel, in denen vor allem Schjönberg gebetsmühlenartig wiederholte, dass er der Sportchef ist und auch kein Interesse hat mit Toppmöller zusammen zu arbeiten. Dieser wiederum wies ferndiagnostisch auf die schlechte Qualität des Kaders hin. So ein über die Medien offen ausgetragene Machtkampf ist natürlich wahnsinnig hilfreich für die Leistungsfähigkeit und Konzentriertheit der Mannschaft! Entsprechend kamen dann die roten „Teufel“ am letzten Sonntag auch nicht über ein 0:0 beim FC Augsburg hinaus. Szenen der Verzweiflung spielten sich daraufhin vor den Premiere-Mikrofonen ab. Zunächst polterte Michael Schjönberg gegen Toppmöller, was dem eigentlich einfiele hier über die Medien die Mannchaft zu kritisieren. Er wies erneut darauf hin, dass er Sportchef ist und erweckte nicht gerade den Eindruck, dass er sich mit dem designierten Retter auch nur an einen Tisch setzen würde.
Als nächstes durfte dann Erwin Göbel über ein kürzlich mit Toppmöller geführtes ausführliches Telefonat berichten. Darin zeigte sich, so Göbel, dass der gute Klaus nicht sonderlich viel über die Mannschaft und die interne Situation des Vereins weiß. Mit anderen Worten – er sprach ihm die Kompetenz ab, sich zum jetzigen Zeitpunk in irgendeiner Form öffentlich über den Zustand der Mannschaft zu äußern. Dieses Interview sorgte dann auch bei Premiere-Moderator Michael Leopold und seinem anwesenden Experten Peter Közle für leichte Erheiterung. Közle fragte zynisch, worüber die beiden sich denn so lange unterhalten haben, über die Mannschaft könne das wohl kaum gewesen sein, sondern höchstens über hübsche Erholungsorte in Georgien. Auch Leopold konstatierte, dass nach diesen Äußerungen ein Engagement Toppmöllers wohl ziemlich abwegig scheint.
Ja, es schien abwegig.
Aber nicht abwegig genug. Nachdem Toppmöller sich am Montag demonstrativ entrüstet über die geäußerte Kritik zeigte – schließlich biete er ja seine kostenlose Hilfe an – , dabei noch eimal den Kader kritisierte, von dem er keine Ahnung hat und der Vereinsführung jahrelange verfehlte Personalpolitik vorwarf, gab es gestern dann seitens des FCK die angekündigte endgültige Entscheidung: Man nehme das Angebot der kostenlosen Hilfe an und gibt Toppmöller einen Aufsichtsratsposten sowie die alleinige sportliche Verantwortung. Keine 24 Stunden später erklärte Michael Schjönberg wenig überraschend nach gerade mal 6 Monaten im Amt des Sportchefs seinen Rücktritt.
Der „Neuanfang“ beim FCK kann also beginnen.
Mein persönliches Highlight in dieser Posse ist nun die Tatsache, dass Toppmöller weiterhin Nationaltrainer Georgiens bleibt. Er ist also ehrenamtlicher Teilzeit-Retter! Wunderbar, da kann ja nichts mehr schief gehen… Ich bin sicher, man reicht vor lauter Euphorie schon die Lizenzunterlagen für die dritte erste Liga ein! Denn was gibt es für bessere Voraussetzungen, als wenn der Aufsichtsrat die Vorstandsaufgaben übernimmt, den Vorstandsvorsitzenden öffentlich demontiert, den eigentlichen Sportchef zum Kaffeeholer degradiert und dabei fleißig dem Trainer gleich alle vier Stuhlbeine ansägt? Vielleicht hat man vergessen, dass da noch rund 20 junge Herren sind, die jedes Wochenende Fußball spielen sollen und die nun – nachdem ihnen der neue Halbtags-Sportchef ja in den vergangenen Wochen mehrfach die Ligatauglichkeit abgesprochen hat – sicher selbstbewusst und mit frischem Elan für den Verein auftreten werden!
Gewinner in diesem unwürdigen Schauspiel könnte einzig Klaus Toppmöller sein – der bekommt eine Eintrittskarte in die Führungsetage eines deutschen Profivereins ohne dafür ein besonders hohes Risiko eingehen zu müssen. Geht Lautern in die dritte Liga, bleibt er eben noch eine Weile in Georgien und arbeitet weiter als Trainer im Ausland. Aber selbst dann kann er die Schuld letztlich anderen zuschieben – seinen Vorgängern (das konnte er schon immer gut) und auch Trainer und Vorstand – schließlich ist er ja nur Aufsichtsrat… Sollte es hingegen beim FCK am Ende für den Klassenerhalt reichen, kann er sich feiern lassen und wohl mit einem hochdotierten Vertrag als Sportchef in den Vorstand wechseln. Viel zu verlieren hat er also nicht.
Man fragt sich bei all dem nur warum Aufsichtsratschef Buchholz sich auf dieses Spiel einlässt und scheinbar um jeden Preis einen Mann in den Verein holen will, der abgesehen von einer Finalteilnahme in der Champions League und der Vizemeisterschaft mit Bayer Leverkusen im Jahr 2002 als sportlicher Leiter eines Profiteams keine nennenswerten Erfolge vorzweisen hat. Zudem ist er noch nicht mal bereit, kompromisslos die tatsächliche und volle Verantwortung zu übernehmen, sondern bietet sich nur als Teilzeitkraft an. Als neutraler Beobachter kann man sich da auf eine unterhaltsame Zeit freuen!
Eigentlich könnte es einem als Anhänger eines anderen Vereins ja ziemlich egal sein, was da in Kaiserslautern gerade vorgeht. Ist es mir unter dem Strich zwar auch, aber es ist nicht das erste Mal dass Vereine in Krisensituationen irrational handeln und auf einmal eine Einzelperson (meist ein ehemaliger Spieler) zum potenziellen Messias erklärt wird. Die Kölner zum Beispiel können davon mit den Herren Overath und Daum ein Lied singen. Wie man dort sieht, stehen anfängliche Euphorie und spätere sportliche Realität nicht selten in deutlichem Kontrast.
Auch in Hamburg war die Hoffnung groß, als Thomas Doll 2004 eben jenen Klaus Toppmöller ablöste. Gut zwei Jahre später waren alle kurzzeitig wieder auf dem Boden der Tatsachen und auf dem letzten Tabellenplatz angekommen. Ein lehrreiche Erfahrung sollte man meinen, kaum aber geisterte der Name von Europapokal-Held Felix Magath durch die Presse, konnte es nach der Meinung der meisten HSV-Fans keinen besseren geben, um den Verein zu retten. Das hat ja dann bekanntlich am Ende jemand übernommen, der keinerlei Historie im Verein hatte. In diesem Falle eine glückliche Fügung, denn hätte Magath damals nicht selbst abgesagt, hätte wohl auch die Vereinsführung in Hamburg den Weg des geringsten Widerstandes eingeschlagen und statt des knurrigen Holländers den beliebten Alt-Star an die Front gestellt. Eine Entscheidung, die vielleicht fatale Folgen gehabt hätte.
Hektische Personalentscheidungen, die zudem noch populistisch begründet sind, indem man verdienten Alt-Profis in die sportliche Leitung überträgt, erweisen sich nicht unbedingt in jeder Situation als sinnvoll und zielführend, weder für den Verein noch für die Fans. Auch nicht für den den jeweiligen vermeintlichen Retter. Lediglich Vorständen und Aufsichtsräten gelingt es, vom eigenen Versagen abzulenken, indem man bei den Fans eine Vereinsikone nach der anderen verheizt.
Das weiß nun auch Michael Schjönberg…
Verfasst von Dale