Die Masken fallen

Freitag, 28. September, 2007

Ich habe heute starke Nackenschmerzen. Ursache dafür ist aber nicht, dass ich schlecht geschlafen habe, sondern das viele Kopfschütteln beim Lesen von Berichten über die derzeitigen Ereingisse im Radsport. Wer dahingehend also ebenfalls anfällig ist, sollte jetzt lieber nicht weiter lesen. Was sich derzeit auf dieser Bühne abspielt, ist schlicht unfassbar…

Bekanntlich findet ja aktuell mal wieder eine Weltmeisterschaft in Deutschland statt. Diesmal ist das aber wenig Grund zur Freude, denn es handelt sich dabei um die Rad-WM. Eigentlich müsste man das „Rad“ in Anführungszeichen setzen, der Sport -wenn man das professionelle Radfahren noch so nennen darf – interessiert keinen so richtig. Viel interessanter ist nämlich, was sich Funktionäre, Fahrer, Teams und Medien da derzeit für ein Schauspiel liefern, wenn die Fahrräder in den Garagen stehen. Ein Schauspiel, das Bände spricht, wenn es darum geht einzuschätzen, wie es um die Nachhaltigkeit der noch vor wenigen Monaten gemachten Aufklärungs-Beteuerungen, verheulten Geständnisse, Fahrerentlassungen und Ehrenerklärungen bestellt ist.

Um es vorweg zu nehmen: Schlecht.

Warum? Nun, zum Warmwerden lassen wir uns mal folgendes Zitat des UCI-Präsidenten Pat McQuaid auf der Zunge zergehen:

„Die Ehrenerklärung ist lediglich eine moralische Verpflichtung, das müssen auch die Stuttgarter Organisatoren akzeptieren.“

Diese Aussage ist nicht weniger als eine Bankrotterklärung des Weltradsportverbandes in seinem Kampf gegen das Doping. Zugegeben, die vor der Tour de France von der UCI hastig entwickelte „Ehrenerklärung“, die einen Fahrer im Falle eines entdeckten Dopingvorfalles unter anderem zur Zahlung einer Strafe in Höhe eines Jahresgehaltes verpflichten sollte, stand juristisch schon immer auf zwei morschen Holzbeinen. Durch obige Aussage jedoch ist sie nicht mal mehr das Papier wert, auf das sie gedruckt ist, denn wenn McQuaid und seine Organisation ernsthaft im Dopingsumpf des Radsports auf „Moral“ setzen, ist ihnen wirklich nicht mehr zu helfen.

Aber was hatten denn nun die Stuttgarter Organisatoren getan, derart in Ungnade zu fallen? Sie hatten es gewagt, den Bekenntnissen zu einem offensiven Kampf gegen das Doping Taten folgen zu lassen, was bei einer Weltmeisterschaft ja auch eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein sollte. Konkret geht es dabei um zwei italienische Fahrer. Zum einen ist das Danilo Di Luca, seines Zeichens Giro-Sieger und Patient des in Italien bereits verurteilten Doping-Arztes Carlo Santuccione. Eben wegen dieser Verbindung mit Santuccione wird gegen Di Luca in Italien ermittelt. Konkret nachweisen kann man ihm zwar nichts, aber der dortigen Sportjustiz reicht bereits die bloße Zusammenarbeit für eine Sperre aus, am Mittwoch hat die Antidopingkomission einen entsprechenden Antrag gestellt. Ferner hat das WM-OK eine einstweilige Verfügung beim Landgericht Stuttgart eingereicht, um einen Start gerichtlich zu verhindern. Konsequenz – der italienische Radsportverband hat Di Luca nun zurück gezogen. Im zweiten Fall ist ein ähnliches „Happy-End“ allerdings fraglich. Paolo Bettini, immerhin noch amtiertender Weltmeister, weigert sich nämlich, die besagte Ehrenerklärung zu unterschreiben, da diese (ja, das hat er wirklich gesagt!) gegen die Menschenrechte verstoße. Die Abgabe einer DNA-Probe komme daher für ihn nicht in Frage. Ferner wird Bettini von Patrick Sinkewitz beschuldigt, in ihrer gemeinsamen Zeit bei den Teams Mapei und Quick Step regelmäßig für ihn Testosterongel besorgt zu haben. Sinkewitz rudert nun zwar nach Drohungen seitens Bettini, ihn für diese Äußerungen auf Schadenersatz zu verklagen, wieder zurück, die Glaubwürdigkeit dieser Dementi ist allerdings vor diesem Hintergrund wohl eher dürftig.

Dieses Verhalten des Italieners ist zweifellos eine schallende Ohrfeige ins Gesicht der UCI, der WM-Organisation und nicht zuletzt anderer Fahrer und der Fans. Entsprechend gereizt reagiert daher jenes WM-Organisationskomitee unter Vorsitz der Stuttgarter Sportbürgermeisterin (Wer hat sich eigentlich dieses Amt ausgedacht?) Susanne Eisenmann. Ebenso stur wie Bettini die Unterschrift verweigert, besteht das OK gemäß einer Ende Juli mir der UCI getroffenen Vereinbarung auf eben diese als Voraussetzung für eine Starterlaubnis und fordert den Verband auf, Bettini von der WM auszuschließen. Auch hier wurde auf Basis dieser Vereinbarung einstweilige Verfügung beim Landgericht Stuttgart eingereicht. Offenkundig geht das der UCI nun zu weit. So ernst will man es mit der Verpflichtung zur Ehrenerklärung dann doch nicht gemeint haben, vermutlich auch, weil McQuaid eine peinliche Niederlage vor Gericht fürchtet, sollte irgendwann doch mal ein Fahrer dagegen klagen.

Diese Entwicklung veranlasste am Mittwoch nun sogar Innenminister Schäuble dazu, seine Gedanken kurz von Atombomben und Flugzeugabschüssen zu lösen. Er fror kurzerhand die zugesagten Bundeszuschüsse zur WM in Höhe von 150.000 Euro ein und schlug sich verbal auf die Seite des OK, indem er die Einhaltung der fraglichen Vereinbarung forderte.

Derart unter Druck gesetzt, legte Pat McQuaid gestern abend noch einmal nach. Er verkündete harsch, er „garantiere, dass Bettini am Sonntag antreten darf, nichts kann seine Teilnahme verhindern„. Das allein ist eigentlich schon eine Dreistigkeit, aber ferner wirft er Susanne Eisenmann noch vor, aus „wirtschaftlichen und politischen“ Gründen zu handeln. Die Stadt Stuttgart schulde der UCI immer noch einen „erheblichen“ Geldbetrag und wolle sich offenkundig nun mit Hilfe des Falles Bettini aus der Verantwortung stehlen. Als sei dieser Vorwurf nicht schon absurd genug, weiß McQuaid die Peinlichkeitsskala aber noch nach oben auszubauen. Der Ruf Stuttgarts als Sportmetropole habe stark gelitten und auch die Weltverbände anderer Sportarten werden ihre Konsequenzen ziehen.

Der einzige Ruf, der nach solchen Äußerungen derzeit leidet, ist wohl der von Mr. McQuaid und seiner UCI sollte man meinen. Doch schaut man sich die Entwicklung in einem anderen, parallel verlaufenden Fall an, könnte man sich damit täuschen. Denn obwohl UCI und OK im Falle des Spaniers Alejandro Valverde auf einer Seite waren, und gerichtlich seinen Start bei der WM verhindern wollten, hat sich in diesem Fall der spanische Radsportverband vor dem obersten Sportgerichtshof Cas durchgesetzt. Valverde darf nun antreten, obwohl er wohl Verbindungen zum allseits bekannten Doping-Arzt Fuentes hatte. Das Vorgehen der Spanier in diesem Falle ist eigentlich stellvertretend für viele Landesverbände. Man will das Thema Doping offenkundig so langsam wieder von der Agenda bekommen. Profi-Radsport ist schließlich trotz allem immer noch ein großes Geschäft, die vielen treuen Sponsoren sollen auch mal wieder etwas bekommen für ihr Geld. Querulanten und Prinzipienreiter wie Frau Eisenmann kann man da nicht gebrauchen.

Einer dieser Sponsoren ist bekanntlich die Deutsche Telekom, genauer die Mobilfunksparte T-Mobile, mit ihrem gleichnamigen, in der Vergangenheit sehr erfolgreichen Team. Wie SPIEGEL Online gestern berichtete, wird eben jenes Team für die kommende Saison zwei durchaus diskussionswürdige Neuzugänge verzeichnen: Erik Zabel (derzeit Milram) und George Hincapie (Discovery Channel). Ersterer ist uns ja allen noch durch sein tränenreiches aber dennoch wohl halbherziges Dopinggeständnis in Erinnerung. Letzterer machte lange Jahre als Edelhelfer von Lance Armstrong (der 1999 nachweislich bei der Tour de France gedopt war) von sich reden.

Man fragt sich da zum einen, was die sportliche Leitung von T-Mobile bewegt, den 37-jährigen (!) Dopingsünder Erik Zabel zurückzuholen und quasi einen Rentenvertrag zu geben. Und das kein halbes Jahr, nachdem er sein Geständnis sorgfältig so formulierte, dass keiner der Verantwortlichen des Telekom-Teams in irgendeiner Form damit in Verbindung gebracht werden konnte. Verschwörungstheorien sind sicher fehl am Platze, aber ein bisschen nachdenklich macht einen das schon.

Zum zweiten ist es zumindest überraschend, wenn ein deutsches Team, das gebetsmühlenartig den Kampf gegen das Doping im Radsport predigt, einen immerhin auch schon 32-jähirgen Fahrer verpflichtet, der sich jahrelang im direkten Dunstkreis des umstrittensten Radsportlers der letzten 10 Jahre befand. Dafür kann es wohl schlichte geschäftliche Gründe geben. Der Mobilfunkbetreiber T-Mobile ist mittlerweile in zahlreichen Ländern aktiv, unter anderem auch in den USA. Dort hat Hincapie als ehemaliger Armstrong-Adjutant immer noch ein hohes Ansehen und erhöht entsprechend die Aufmerksamtkeit für die Magentatruppe und damit den Werbewert. Dennoch hätte es der Glaubwürdigkeit wohl besser getan, wenn man einen jungen oder zumindest in Sachen Doping komplett unverbrauchten Fahrer ins Team geholt hätte. Bei den leidgeprüfen deutschen Radsport-Fans hinterlässt das schon jetzt zumindest einen schalen Beigeschmack für den Saisonauftakt 2008.

Die jüngsten Skandale zeigen, dass der Radsport ganz ganz weit davon entfernt ist, seinen Sport „sauber“ zu bekommen. Schlimmer noch, man will es auch gar nicht. Die UCI hat das Handtuch geworfen, und im Ausland wirkt bereits die Taktik des Aussitzens und Verdrängens, wie im Fall Valverde. Selbst das deutsche Vorzeigeteam tätigt zweifelhafte Neuverpflichtungen. Aber auch die Fans machen immer noch in Scharen mit bei diesem unwürdigen Schauspiel, das spätestens jetzt gar keines mehr ist. Die Masken der Protagnisten sind gefallen. Wie sich überhaupt Zuschauer an eine Strecke stellen können, um die Fahrer anzufeuern, die sie zuvor jahrelang belogen und betrogen haben, ist eigentlich unfassbar, aber dem internationalen Publikum ist das offenkundig gleichgültig. Sie wollen endlich wieder Helden haben und keine medialen Spielverderber oder norgelnde Sportbürgermeister, die ihnen immer wieder die Illusionen nehmen.

Die einstweilige Verfügung gegen Bettini wurde übrigens heute vormittag vom Stuttgarter Landesgericht abgewiesen. Er wird also definitiv starten.

In diesem Sinne, schönes Wochenende mit der Fußball-Bundesliga!

Dale