Eine kleine Spende für Herrn Heldt bitte!

Dienstag, 13. November, 2007

Es ist ja unter den Verantwortllichen deutscher Profi-Fußballclubs schon seit längerem modern, ständig und gebetsmühlenartig darüber zu jammern, wie schlecht es um den deutschen Fußball bestellt ist. Im Moment fällt das wieder mal besonders leicht. Die drei deutschen Champions League Vertreter blamieren sich kollektiv bis auf die Knochen, der VFB Stuttgart tut sich hier mit 0 Punkten aus bislang vier Spielen besonders hervor. Anstatt sich dort allerdings mal zu fragen, ob die Mannschaft vielleicht derzeit schlecht in Form ist, man personell Probleme hat oder ggf. der Trainer das Team schlecht vorbereitet, geht man den einfachsten Weg – die Anderen sind Schuld. Genau genommen der deutsche Pay-TV-Zuschauer, denn der rückt einfach nicht genügend Kohle raus, damit auch die Schwaben mal einen Punkt in der Königsklasse holen können!

So nannte VFB-Manager Horst Heldt letzte Woche also nach dem 2:4 in Lyon in einem Interview mit dem Sportinformationsdienst als Grund für das schlechte Abschneiden seines und der anderen deutschen Teams folgendes:

„Da ist man doch an dem Punkt, wo man sich fragen muss, ob man in Deutschland bereit ist, neue Wege zu gehen. Wenn ein Aufsteiger in die englische Premiere League 40 Millionen Euro an TV-Geldern bekommt und wir als deutscher Meister 26 Millionen, dann ist da eine Diskrepanz. Wir versuchen ja, diese Diskrepanz auszugleichen und wollen nicht ständig über Geld reden, aber wir als Meister konkurrieren mit Aufsteigern der Premier League um Spieler. An diesen Fakten müssen wir uns orientieren. Außer dem FC Bayern hat doch niemand in der Bundesliga die Möglichkeit, mal eben 70 Millionen auszugeben.“

Nun könnte man dieser Aussage entgegnen, dass…

  • die englische Premier League die TV-Rechte auch nicht von senilen Hasardeuren wie Leo Kirch verkaufen lässt
  • man dort keine „Sportschau“ im Free-TV eine Stunde nach Abpfiff hat, die bei den zurückliegenden Rechtevergaben abwechselnd von Vereinen und Verband mit eiserner Hand beschützt wurde
  • man dort einen Salamispieltag hat, bei dem die 10 Spiele auf bis zu 8 unterschiedliche Termine verteilt sind um den TV-Sendern eine versetzte Live-Übertragung der Spiele zu ermöglichen und um auch in anderen Zeitzonen attraktive Sendezeiten zu haben. Schon eine Aufteilung auf 4 Termine ist vor einigen Jahren hier auf Widerstand gestoßen und wurde nach nur einer Saison wieder abgeschafft.
  • die PL sich schon seit Jahren professionell in Asien vermarktet (schon mal über die chinesischen Schriftzeichen in der dortigen Bandenwerbung gewundert, Herr Heldt?) und mit China, Hong Kong und ganz Südostasien faktisch auf einem ganzen Kontinent enorme Popularität geniesst.
  • in der PL ausländischen Investoren erlaubt, sich in ihre Vereinen einzukaufen und 3-stellige Millionensummen zu investieren, um die Attraktivität und Leistungsstärke des Teams zu verbessern.

Aber all das wollen wir eigentlich gar nicht groß hervorheben. Das müsste er ja eigentlich wissen, wenn er über die Premiere League spricht. Stattdessen weisen wir Herrn Heldt lieber mal darauf hin, dass Stuttgart parallel zur Champions League auch in der Bundesliga gegen solche Weltauswahlen wie den KSC, Hansa Rostock oder Hannover 96 verlor. Gut, diese Vereine schwimmen natürlich im Geld, da kann man als amtierender deutscher Meister natürlich nichts machen. Ihr wisst schon, TV-Einnahmen und so…

Ich frage mich da auch, ob es am Samstag beim 3:1 Sieg seiner Stuttgarter gegen die 70-Millionen bayerischen Euro mit rechten Dingen zugegangen sein kann. Wenn es nach Herrn Heldt geht, ist das ja eigentlich gar nicht möglich. Außerdem, wie hat es der bettelarme VFB eigentlich letztes Jahr geschafft deutscher Meister zu werden, obwohl Teams mit deutlich höherem Etat wie Bayern, Bremen und Schalke in der Bundesliga spielen?

Aber ich bin schon wieder zu zynisch, tut mir leid. Ich weiß ja, worauf Horst Heldt hinaus will. Nehmen wir doch mal die Italiener, die sind auch immer ganz gut in der Champions League! Lazio Rom zum Beispiel hat letzte Woche Werder Bremen 2:0 geschlagen. Da sehen wir es doch wieder, die Serie A ist uns deutlich überlegen! Ok, zugegeben, es gibt ein paar klitzekleine Nachteile… da feiern schon mal Spieler ihre Tore per Hitlergruß, es geht auf den Rängen zu, wie auf dem Nürnberger Reichsparteitag anno ‘39 und Spieler mit dunkler Hautfarbe können manchmal nicht verpflichtet werden, weil die Zuschauer in KKK-Kapuzen während des Spiels schwarze Puppen verbrennen. Es gibt da auch gelegentlich den einen oder anderen Korruptionsskandal, der für Zwangsabstiege sorgt und seit neuestem erschießen sich Fans und Polizisten ganz gerne mal gegenseitig. Aber wollen wir mal auch nicht zu pingelig sein! Immerhin haben die Italiener letztes Jahr die Champions League gewonnen! Und Weltmeister sind sie auch! Alles Dank der TV-Gelder!

Komisch nur bei dieser Logik, dass selbst der FC Chelsea mit 400 Millionen aus der Kasse von Roman Abramovich und den exorbitanten TV-Einnahmen immer noch nicht die Champions League gewonnen hat. Vielleicht hängt das damit zusammen, dass ein Michael Ballack oder ein Andriy Shevchenko nicht automatisch doppelt so gut spielt, wenn  er doppelt soviel verdient? Genau genommen scheint in diesem Falle sogar der umgekehrte Fall einzutreten.

Horst Heldt und andere würden sich jedenfalls einen größeren Gefallen tun, wenn sie nicht immer wieder die vermeintlich niedrigen TV-Gelder als lahme Ausrede für schwache Leistungen herhalten lassen. Wie wäre es mal andersherum? Spiele gewinnen, attraktiven Fussball spielen und die Liga professionell auch im Ausland vermarkten? Professionelle Nachwuchsarbeit leisten und junge Talente verpflichten und aufbauen? Mit Pay-TV-Sendern ein qualitativ hochwertiges Übertragungskonzept ausarbeiten, dass sich nicht nur dadurch auszeichnet, dass man jedes Jahr noch mehr Werbung sendet? Investoren in der Liga zulassen, die auch mal ein paar Millionen aus der Privatschatulle zahlen dürfen, um einen internationalen Topstar verpflichten zu können? Vielleicht sind dann ja auch die Zuschauer vor dem Fernseher tatsächlich bereit, mehr für all das zahlen! Denn – und das scheint der eine oder andere gerne zu vergessen – das ist letztlich die Voraussetzung für all die Luftschlösser, die sich DFL und Vereine gerade bauen.